Mittwoch, 10. November 2010

Der Bohrer des Schreckens

Den ganzen Tag über wähnt er sich bereits in der Vorhölle - zumindest gedanklich gesehen. Immer und immer wieder muss er daran denken, malt sich die schlimmsten Horrorvisionen aus und stößt lauthals fluchend Schreie im tiefen Brustton seiner qualvoll nach außen dringenden Überzeugung. Angst. Nackte Angst macht sich in ihm breit. Die Nerven liegen blank. Noch 30 Minuten, dann sollte sein Martyrium beginnen. Ein Stahlbad - im wahrsten Sinne des Wortes.





Zitternd nimmt er den Kuli in die Hand, schreibt noch schnell ein paar Notizen in seinen Block, versucht sich abzulenken, denkt nach, will zum Telefonhörer greifen, um seinen Termin bei seiner neuen Zahnärztin, neuen, blutjungen Zahnärztin abzusagen. Doch der Mut fehlt ihm. Als sich sein Blick zur Uhr wendet, weiß er ganz genau: Es gibt kein Entrinnen. Die Dentophobie hat sich tief in sein Bewusstsein eingegraben.

Hyper-Nervös steigt der Jammerlappen schließlich aufs Fahrrad, tritt in die Pedalen wie ein Berserker auf Adrenalin und grübelt währenddessen was sein Hirn noch so her gibt. Nach rund 500 Metern erreicht er das Horror-Haus. Ein durch und durch mulmiges Gefühl beschleicht ihn von hinten eindringend, so als würde seine Achillessehne von einem Stollenschuh durchtreten. Er bringt es kaum fertig sein Rad abzuschließen. Seine Hände spielen ihm einen Streich.

Als er den Fahrstuhl betritt, sieht er im Spiegel sein aschfahles Gesicht. Tiefe Furchen, die an den Marianen-Graben im phillipinischen Meer erinnern, durchziehen seine Stirn. Die Augäpfel stechen heraus, drohen beinahe zu platzen. Er ist mit den Nerven runter. Dann der kurze Klingelton, er hat den zweiten Stock erreicht. Die Tür öffnet sich, er schlendert unbeholfen den langen Flur entlang. Am Praxiseingang hält der Mann, den sie von "Angst zerfressen" nennen, kurz inne. Seine linke Faust macht mit ihm jedoch was sie will. Er klopft. Eine starre Affekthandlung.

Gedankenverloren tritt er schneidig ein, so, als wäre alles nur ein Traum. Als ihn die Sprechstundenhilfe begrüßt, sieht er ihre strahlend weißen Zähne. Zähne, die er noch nie in so einer Reinform erblicken durfte. Er kniet symbolisch gesehen nieder. Ihre Freundlichkeit zerreißt ihm beinahe sein Herz. Er wimmert. Sie wiederum ignoriert ihn völlig und legt ihm gnadenlos Unterlagen vor, die er umgehend ausfüllen soll.

"Mir wird schlecht", dringt es brachial aus ihm heraus. Sämtliche Horrorkrankheiten sind auf dem Schriftstück aufgelistet. "Schön, dass man daran erinnert wird", denkt er, um mit dem gleichen Atemzug die ersten Symptome aller erwähnten Krankheiten aufeinmal zu verspüren. Die Schweißperlen rinnen hinab. Er ist von Sinnen. Erst recht, als er aus dem Nachbarzimmer das Schreien eines Leidensgenossens hört. Ein Zeichen. Das Schreien artet in Gebrüll aus. Er hält sich die Ohren zu und blickt permanent in Richtung Horror-Zimmer. Das Gebrüll ist dermaßen eindringlich, so eindringlich, dass er den Bohrer des Schreckens schon selbst in seinem achso zarten Mundwerk spüren kann. Ihm reicht's. Stolpernd verlässt er flugs die Praxis mit wehenden Fahnen. So wehend, dass er selbst seine Krankenkassen-Karte vergisst. Pech gehabt. Er muss wieder hin.

Horror pur: The Brno Dental Drill Massacre

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