Montag, 29. März 2010

Urbane Uhrientierungslosigkeit

7.55 Uhr morgens. Die innere Uhr tickt vortrefflich: "Okay, wie passend". Er steht auf, rennt zum Fernseher und will sich den Start des Formel1-Rennens reinziehen. Seine Klüsen entdecken allerdings, dass da schon jede Menge Theater los ist - sprich, die Boliden Kreisen schon längst ihre Runden. "Hmmh, irgendetwas passt hier nicht", denkt er. Richtig. Uhrenalarm. Keine Chance für Nachtschattengewächse.


Er kratzt sich am Schädel und versucht, die am Morgen noch dürftige Ansammlung grauer Zellen wieder zu reanimieren. Ordnung muss schließlich sein. Er blickt nochmals auf die Uhr. "Alles okay, die Zeit passt. Jetzt ist es 8.01 Uhr. Aber wieso läuft dieses verdammte Rennen schon." Er schnappt sich die Fernsehzeitung und liest: Rennbeginn 8 Uhr. "Häh?!" Die vier Uhren in seiner Bude werden abgeklappert. Die fette Uhr in der Küche funktioniert eh nicht, verlässlich zeigt sie seit Monaten 11.22 Uhr an. Das nennt er konsequent. Die Herduhr wartet mit starken 8.04 Uhr auf, die am Schreibtisch meint es wäre 7.47 Uhr. "Was denn nun", fragt er sich. Er guckt ins Telefonbuch und will die Zeitansage anrufen, doch findet er die Nummer nicht. "Gibt's die überhaupt noch?"

Boah, die Krise ist da. Er zweifelt an seinem Verstand. "Immer diese Punk-Rock-Konzerte". Um Ausflüchte ist er nicht verlegen. Folglich legt er sich frustriert in die Koje. Zwei Stunden später steht er wieder auf, geht in die Küche und blickt auf die Herduhr. Sie scheint sich verschworen zu haben. 11.22 Uhr. Denn das zeigt auch die fette Uhr an. "Was geht hier denn ab", fragt er sich erneut. "Hirmäßig wohl nicht so viel." Die Uhrientierungslosigkeit nimmt kopfmäßig urbane Ausmaße an. Paranoid.



Dann fällt ihm ein, er könnte ja mal die Videotext-Uhr aktivieren. Die Atomuhr strotzt vor Energie. Sie zeigt 12.24 Uhr an. Super! Sommerzeit steht da auf Seite 100 in kleinen Lettern geschrieben. Genervt rennt er von Uhr zu Uhr und versucht in seinem Tran die aktuelle Zeit einzustellen. Nachdem er die Betriebsanleitung von seinem Herd stundenlang durchgerabeitet hat, steht dort abends endlich die richtige Uhrzeit: 18.46 Uhr. Wenigstens zeigt die fette Uhr immer noch beharrliche 11.22 Uhr an. Danke!

Dienstag, 23. März 2010

Ein statistischer Kniefall

Ein Hirnakrobat ist er eigentlich nicht, die wissenschaftliche Empirie langweilt ihn zutiefst und von der Stochastik hat er nur wahrscheinlich gehört. Doch wenn er die mathematische Teildisziplin Statistik wahrnimmt, dann grassiert in ihm das Fieber. Ein Fieber, das ihn immer wieder manisch werden lässt - zumindest wenn er Tabellen sieht. Fußball-Tabellen.


Im Netz, in Zeitungen oder im Videotext: Sein Gedächtnis verlangt immer wieder nach Statistik-Food. Wie ein Irrer zieht er sich wöchentlich, beinahe täglich, den aktuellen Ergebnisdienst rein. Fündig wird er stets. Wer, wann, wo, wieviele Punkte gesammelt hat, die Torjägerliste anführt oder Spitzenreiter der Ewigen Tabelle in Aserbaidschan ist: Das zu wissen, ist für einen Statistik-Freak ein absolutes Muss, ein zahlenmäßig orgiastisches Vergnügen. Zack, zack und schon sind die Infos von Liga eins bis in die Kreisliga D gepeichert. Wenn möglich bitteschön weltweit.


Wer das auch braucht, sollte unbedingt die schwedische Fußball-Statistik-Seite home.swipnet.se auswendig lernen. Eine Gourmet-Seite der ewig-harten Fakten, wenngleich optisch nicht optimal. Für Einsteiger reichen auch häppchenweise die Tapas der Fußball-Tabellen. Guten Appetit!

Mittwoch, 17. März 2010

Die Ratten der Kokosnuss

Virtuell ist er der Karibik schon ziemlich nah, als er während des Einkaufens Berge von Kokosnüssen erblickt. Heißblüzig sieht er sich dann gar an der Copa Cabana, die er zuletzt im Alter von zweieinhalb Jahren uninspiriert wahrgenommen hatte, neben Kokosnussmilch schlürfenden Sonnenanbeterinnen liegen.
Hechelnd läuft er nach Hause, macht es sich gemütlich und träumt wie "Hans-Guck-In-Die-Luft"vor sich hin. Dann springt er auf und schreitet mit nur so dahinstrotzenden Glücksgefühlen zur Tat. Unter den Argusaugen seiner Ratte nimmt er nicht das Messer in die Hand, um an der Dreiaugen-Seite der Kokosnuss einstechend, dieser den Saft der Lust zu entlocken. Nein, er greift brutal zum Hammer. Ein Hammer ist es auch, was ihn erwarten sollte. Die aromatische Duftwolke, die ihm entgegenbläst und seine Nase wie ein Schwein, das nunmehr erheblich Witterung aufnehmen würde, kräftig in Wallung bringt, lässt ihn nicht nur erahnen, das irgendetwas faul ist. Die rohe Fäulnis regiert in der Tat, muss er feststellen. Dass er sich soeben noch an der Copa Cabana wähnte, sollte gedanklich wesentlich schneller verfliegen als ein unangenehmer Direktflug ins Nirvana.



Ein Anflug von zuvor gedanklich dahintreibendem Hochmut ist es auch, der ihn zu Fall bringt. Das stinkende Biest hat ihn buchstäblich umgehauen. Fortan sieht er sich in einem übel riechenden Moloch, umgarnt von fiependen Ratten, devot in Bergen von Abfällen schwimmen. Bitterfeld. Das braune Innenleben, garniert mit kleinen Tierchen, die sich sichtlich pudelwohl in der gelblich schimmernden Soße freischwimmen, gibt ihm schließlich den Rest. "So ein verdammter Mist", prasselt es aus ihm heraus. Er ist durch und durch bedient und schmeißt emotionsgeladen die ganze Ladung in die Tonne. Tonnenschwer ist auch die Last seiner Qualen. Er beschließt, diesen den Kampf anzusagen und hockt sich sptzbübisch vor die Glotze. Nein, so ganz ohne Kokosnuss geht's dann doch nicht. Er kickt sich wieder und begibt sich schnurstrack in eine Oase des schwarzen Humors. Ritterlich.

Donnerstag, 11. März 2010

Ans Schwarze Meer gebeamt

Song des Monats Vol. I:



Abflug: Funky, housig und popig-elektronisch - Caribou' s brandneuer Song "Odessa" ist ein Hammer und zugleich Vorbote für die nun wieder anstehenden heißen Zeiten. Der Drive des Songs des Kanadiers kommt nicht nur groovy daher, sondern bringt den Körper mit einer Portion Erotik nicht nur dank des Basses geradezu in Wallung. Tip: Download unter www.caribou.fm/swim_download/ lohnt sich.

Montag, 8. März 2010

Bis ultimo

Das Hirn muss rauchen! Nach drei Wochen Urlaub und zahlreichen privaten Nachtschichten geht es nun wieder kräftig ans Werk. Es gilt ab sofort wieder, nicht nur die Norm zu erfüllen. Immer schön produktiv und kreativ sein. Danke Adolf Hennecke - Aktivist erster Stunde.

Mittwoch, 3. März 2010

Un triunfo de prestigio


Ballsicher, abgezockt und zumindest in Nuancen stark: Die Argentinier haben nach der schwachen WM-Quali beim verdienten 1:0 Sieg über Deutschland nach langer Zeit mal wieder ihr wahres Gesicht gezeigt und erfolgreich für die WM-Pleite von 2006 Revanche genommen. Vor allem die erste Halbzeit stimmt optimistisch. Die individuelle Klasse á la Messi, Mascherano, Veron & Co. gab letztlich den Ausschlag. Überraschend glänzten die Argentinier diesmal sogar in taktischer Hinsicht. So ist den Himmelblauen bei der WM in Südafrika schon einiges zuzutrauen. Zu tun bleibt allerdings noch viel. Das gilt ebenso für die Deutsche Elf. Was meint Ihr?

Sonntag, 28. Februar 2010

Der stürzende Fußmeister

Gleitschuh-Weltmeister war er bei den U5-Junioren, Schlitten-Vizemeister wurde er auf der Todespiste seines Heimatberges und ohnehin sollten weitere unzählige Titel in seinen Träumen folgen. Es war allerdings 1986 als er bis dato zum letzten Mal seine magischen Füße in Schlittschuhe steckte. Die Quittung für seine 24-jährige Abstinenz sollte prompt folgen: Denn der Olympiasieg im Füßezerquetschen sollte bedingungslos seiner werden.

Als er an der Eisbahn ankommt, wähnt er sich im siebten Himmel. Nachdem er sich für die Eishockey-Schlittschuhe und nicht für die schwarzfarbigen Eiskunstlauf-Dinger entschieden hatte, sieht er sich gedanklich zum wiederholten Male den Puck ins Netz hämmernd orgiastisch jubelnd vor den Menschenmassen dahin treiben. Doch Wunschträume und Realitäten liegen manchmal eben doch meilenweit auseinander.

Bereits beim Anziehen der Schlittschuhe bemerkt er, wie der einstmals vor Elan nur so sprühende Meister aller Klassen eingerostet ist und nunmehr seinem sportliche Fiasko entgegenschlittert. Ein Knick und schon landet er stolpernderweise, nachdem er zuvor wie ein waschechter Schneider die ellenlangen Seilschaften Öse für Öse verschnürt hatte, auf dem harten Gummiboden der Tatsachen. „Was geht hier denn ab? Krasse Nummer“, gibt er völlig erstaunt zum Besten. Die Vier- bis Achtjährigen lachen sich schlapp. Er stimmt mit einem wimmernden „das gibt’s doch gar nicht“ ein.

Er steht auf. Schmunzelt noch ein „super-heftig“ heraus, während andere Eisbahnfetischisten seinen leicht verwirrten Gesichtsaudruck wahrnehmen. Er scheint entlarvt. Wie auf Eiern laufend, wagt er dennoch den etwa 20 Meter langen Gang nach Canossa. Doch die Eisfläche entpuppt sich wenig später als ein Ort des Grauens. Zwei Eiskunstlauf-Freaks, die er Sodom und Ghomorra nennt, gleiten wie die Gazellen an ihm vorbei, andere fahren im Eishockey-Style grandios rückwärts, drehen Pirouetten und sind enorm cool. Cool sind bei ihm nur die Schlittschuhe - und vor allem das Eis mit dem er noch näher Bekanntschaft machen sollte.

Die ersten Schritte klappen dann wider erwarten erstaunlich gut. Doch wenige Augenblicke später erweist sich sein unerwartet gewonnenes Freiheitsgefühl als ein Trugschluss, denn er sollte seinem Gleichgewicht alsbald einen dramatischen Test unterziehen.
Als er sich mit einem Affenzahn in Richtung Kurve bewegt und von einem der Eislaufprinzen tuschiert wird, verliert er den Halt und donnert schnurstracks gegen die Bande. Der Check sollte Folgen haben.

Fortan wankt er wie ein vom Alkohol gezeichneter Deliriumpapst über das Eis, dazu gesellt sich ein stechender Schmerz, der permanent seine Füße drangsaliert. Seine geknechteten Füße sind zwar ohnehin mit etwa 11 Zentimeter nicht allzu breit, doch die Nieten seiner Schlittschuhe graben sich in die Seiten seiner Mauken und quälen ihn ergiebig. Doch nicht nur mit jämmerlichen Quetschungen hat er zu kämpfen: Die Kufen unterhalb seines Schuhs, die sich umzukehren scheinen, gravieren sich gefühlt wie eine rasiermesserscharfe Klinge in die Sole ein. Er meint, Runde um Runde dahinzusiechen. Flugs entscheidet er sich, das Experiment abzubrechen. Er steuert auf den Ausgang zwischen den Banden zu und grüßt schließlich erneut den Himmel mit seinen Schlittschuhen. Sense. Sehr devot kriecht er von der Eisfläche und schleppt sich dann in die Umkleide. Dort zieht er die Dinger aus, wirft sie in die Ecke und schmollt. Beim Anblick seiner mit einem Nietenmuster versehenen Füße, die sich ihm bläulich schimmernd dank der Quetschungen entgegenstrecken, kullern mental die Tränen der Enttäuschung. Nichts war es mit einem realen Olympiasieg. Den will er aber spätestens in 24 Jahren einstreichen. Dann nämlich wird er wohl mit Stahlplatinen, die die Knöchelchen seiner Füße zusammenhalten werden, antreten. Traumatische Träume.

Montag, 15. Februar 2010

Ratten-Montag II



Zechen, blechen und rächen: In den Karnevalshochburgen wird bereits seit Donnerstag, der Fastnacht der ollen Weiber, kräftig abgeschunkelt. Hier und dort werden auch heute wieder alte Liebschaften gnadenlos reaktiviert. Da haben es die Ratten wesentlich leichter: Sie reißen die Vögel der Nacht täglich - und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Delikat.