Dienstag, 12. Januar 2010

Chaostage mit dem Mann aus den Bergen

Mit Hängen und Würgen öffnet er die Tür, geht aus dem Haus, rutscht kräftig aus und verschwindet in einer 3,85 Meter hohen Schneewehe. Zum Glück ist er der sich auftürmenden Lawine entgangen, die sich selbst unmittelbar vor ihm pulverisiert. Dennoch bleibt er liegen. Er fängt an zu visionieren. In ihm regiert das Chaos.

Er trägt drei paar Socken, türkische Schuhe, eine rote lange Unterhose, die Jeans, ein T-Shirt, zwei Schlümpfe sowie eine halb winterfähige Jacke, dazu eine Mütze und Handschuhe. Doch der Mann des Schnees - man nennt ihn auch den Yeti des Teutos - verwittert dank der Witterung.

Er blickt auf: Seine Augen erkennen beim fürchterlichen Schneetreiben jedoch nur schemenhaft, was um ihn herum geschieht. Es ist nahezu stockfinster, genauso wie sein Geist völlig umnachtet zu sein scheint.

Die Eiszapfen wachsen ihm bereits aus der Nase, seine Augenbrauen sind eingeweißt und er wähnt sich in der Verbannung Sibierens - soweit die Füße tragen. Er hat den Zustand völliger Verwirrung und Unordnung erreicht. Chaos.

Keine Menschenseele traut sich vor die Tür. Allerorten sind die Hauseingänge komplett zugeschneit. Wo vor einigen Tagen noch das Leben tobte, türmen sich ausschließlich weiße Berge auf. Im Inneren der Häuser, zumindest ab dem zweiten Stock, flackert das Kerzenlicht, dass er hinter den vereisten Fenstern vermutet. In der Ferne glaubt er ein Rudel Eisbären zu erkennen. "Moment, Eisbären sind Einzelgänger", denkt er. Die Hallus sind da: Es sind autonome Schneemänner mit ihren orangefarbenen Nasen, die mit ihren Besen brutal aufeinander einschlagen. Chaostage.

Der Eiswind bläst gewaltig. Er ist auf der Hut. Er hat Kohldampf und pirscht sich robbend den Rentieren entgegen. Doch die Indios aus den Taigawäldern, ehemals Bewohner der August-Bebel-Straße, sind schneller und massakrieren die Herde Kopf um Kopf. Doch dann ist sie da, die Mega-Lawine. Sie begräbt alles unter sich, lediglich ein paar Handschuhe sind noch zu sehen. Der Mann aus den Bergen wacht auf und denkt. "Wow, endlich mal ein amtliches Gehirnchaos im arktischen Traumsumpf - alles andere ist doch Geplänkel."

Dienstag, 5. Januar 2010

Heldenhaft ganz unten

"Zeit aufzustehen. Es ist 5.55 Uhr", schallt es gnadenlos aus dem Lautsprecher des Handys. Akut umnebelt presst sich das Dilirium durch sein Bewusstsein. Sein Kopf wiegt schwer. "Das darf nicht wahr sein", denkt er. Und doch muss er der bitteren Realität des neuen Jahres ins Auge blicken. Putschi-putschi, Urlaub und alles, was dazugehört, war gestern, malochen heute.

Zwanghaft steigt er ins Taxi, lässt den quälenden Monolog des Fahrers an sich vorbeiziehen und steigt dann am Bahnhof aus. Miesgelaunte Menschen, die vor einigen Stunden mutmaßlich noch gut drauf waren, blicken ihn mit grauenhaft finsteren Augen an. Von Party keine Spur. Saukälte schlägt nicht nur den von Halluzinationen und Wahnvostellungen heimgesuchten Leidensgenossen entgegen. Die Unruhe ist spürbar. Der Zug kommt.

Das Rangeln um die Plätze beginnt. Die Pole-Position erreicht er nicht. In siebter Reihe schafft er es schließlich, das Abteil zu betreten. Nestelnde Bewegungen allerorten. Keine Chance. Ab in den nächsten Waggon. Plätze Fehlanzeige, dafür wird kräftig geschnarcht. Die Leichen des Jahreswechsels berauschen sich anscheinend immer noch - diesmal allerdings an ihren traumatischen Erlebnissen.

Schließlich landet er im Abteil für Kinder. Doch dort wird keineswegs gepennt. Im Gegenteil: die Kids im Alter von etwa drei bis sechs Jahren sind gut drauf, aber so was von gut drauf. Törö. Die Karnevalsparty steigt bereits um 7.03 Uhr. Tröten rauben ihm den letzten Nerv. Konsterniert begibt er sich fluchtartig ins Bistro. Kaffee ist angesagt. Die Laune steigt in Nuancen. Immerhin seine, denn die Bedienung ist nicht so heißblütig wie der Kaffee, dafür eher giftig-freundlich und komplett angenervt. Apropos. Wenig später beginnt der Arbeitstag. 9.40 Uhr. Das Telefon klingelt in einer Tour und gefühlte 578 Mails warten darauf, bearbeitet zu werden. Er steckt virtuell den Finger in den Hals und röchelt ordentlich ab. Held der Arbeit, herzlich Willkommen im neuen Jahr!

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Spaßbefreite Zone

Sie steigen aus der Kiste, recken und strecken sich und schalten sofort in den dritten Gang. Die Blutzirkulation in ihren Körpern funktioniert tadellos. Sie sind in Wallung - und so was von gut drauf. Dort, wo vorne ist, wollen sie nicht nur imaginär im Überholvorgang ankommen. Silvester steht schließlich stocksteif vor der Tür. Flugs raffen sie alles zusammen, stellen den hochprozentigen Schnaps auf den Tisch und pfeifen sich zum Warm-up ein paar Biere rein. Vollgas eben. Und morgen, wenn die ganze Last des vergangenen Jahres von ihnen gewichen ist, fangen sie wie immer an zu stöhnen. Die Migräne samt nervtötendem Pochen arbeitet sich erbarmungslos durch das Hirn. Sie haben ihr Ziel erreicht: Spaßbefreit und schrottreif ins neue Jahr! Rien ne va plus.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Genüssliche Ergüsse


Frikadellen, Bockwürsten und all der ganze Krams neben den fettigen Fritten machen ein kurzes Päuschen. Jetzt müssen, wohl oder übel, andere Kolosse auf den Tisch. Gans(z) schön garstig wird es werden. Ansonsten bleibt als Hauptgang immer noch das klassische Gedeck á la Magenverschluss: Cappucino, Kippe und Wein - haut rein.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Brachialer Brechreiz

Der Magen knurrt. Wie ein Wolf wittert er seine Beute. Vom quälenden Hunger gepackt will er für das große Fresse sorgen. Doch als er so richtig loslegt, mutiert er brechreizartig zum verdammten Herr der Keime.

Gut gelaunt läuft er in die Küche, öffnet den Kühlschrank und holt das Hack heraus. Die Pfanne steht parat, das Spaghetti-Wasser kocht bereits. Er kratzt sich am Schädel und denkt nach. Was ist zu tun? Der Geistesblitz folgt umgehend: Schnell Zwiebeln schneiden, etwas Knobi dazu und schon landen die Duftnoten im Olivenöl. "Alles gut soweit", denkt er. Dann zückt der vom Kohldampf gepeinigte das Messer, schneidet die Plastik-Verpackung auf und holt die 500 Gramm schwere Rinder-Schweine-Hackmischung heraus.




Die filigran-wirkende und gesund-rötlich schimmernde Hack-Hommage in Perfektion legt er nun in die dahinsiedende Zwiebel-Knobi-Kombi, ummantelt von anmutigen Paprikaschötchen. Der Magen heult auf, Wasserfälle bilden sich im Gaumen. Dann greift er zum Kochlöffel und entzweit das Hack. Doch die Glücksgefühle währen nicht lange. Adrenalin strömt aus. Was er sehen muss, treibt ihm die Tränen ins Gesicht. Wut steigt auf, er flucht, sein Gesichtsausdruck verfinstert sich. Das Gehackte entpuppt sich als lieblicher Keimträger, innen ist alles dunkelbraun und es stinkt fürchterlich. Der Verwesungsprozess hat längst eingesetzt, er ist gar und dreht sich mental durch den Fleischwolf. Nie wieder Hack vom Discounter! Brechreiz brachial.

Dienstag, 24. November 2009

Ein Tresen - viele Spritties

Die grandios schlechten Beats dröhnen aus den Lautsprechern. Hier und dort wird gefummelt und kräftig gelallt: In der Kammer am Alex sind ganz schön krasse Besen unterwegs.






Es ist 2.08 Uhr. Samstagfrüh. Der Tag ist jung, die Typen nicht mehr ganz so. Sie drängeln sich am Tresen, rauchen wie die Schlote und können es kaum abwarten, die Toilette zu nutzen. Ja, Gay sein heißt zuweilen auch Geil sein. Da spielt es keine Rolle ob sich im Schnäuzer der Bierschaum sabbernd seinen Weg bahnt und eine schicke Kruste bildet. Während sich auf gefühlten 17 Quadratmetern zwei schräge Vögel aus der Provinz mächtig ins Zeug legen, die Kaltgetränke hinunterzuspülen, geht es vor der Kulisse torkelnd zur Sache "Schätzchen". "Wow, hast Du aber ein tolles Cappy", sagt sie. Doch der verschleierte Blick offenbart Bruchteile von Sekunden später, nachdem sie samt Hocker zu Boden stürzt: Er sagt es.



Die Pseudo-Hymne "Sing Halleluljah" strapaziert unterdessen konsequent die Hi-Fi-Anlage. Die Augen der Alkohol-Fetischisten hängen auf halbacht. Die Zombis vom Vortag haben längst nicht genug. Es wird bestellt und bestellt, um die Glücksgefühle hemmungslos herauslassen zu können. Dann geht der kahlgeschorene Gay mit absoluter Porn-Aura nach eindeutigen Blicken zum Klo vor und eine Minute später der Mann, den sie Oberlippe nennen, hinterher. Die beiden sind glücklich. Es wird laut. Als es tatsächlich eine real existierende Frau am Alexanderplatz wagt, den Laden aufzusuchen, gibt es keinen Aufruhr. Nein, die Quotenfrau passt sich natlos in das Gefüge der Kammer ein. Auch sie ist der Leidenschaft verfallen, die Leiden schafft. Koma.

Montag, 16. November 2009

Kartensalat ohne Hirn

Gut gelaunt steigt er ins Auto, zieht sich amtliche Musik rein und fährt zur Bank. Alles paletti, denkt er, doch seine Gehirnwindungen sollten ihm einen Streich spielen.



Er zückt sein Portemonnaie, sieht den Kartensalat und der Sand vom letzten Sommerurlaub rieselt heraus. Er schwelgt in Erinnerungen. Ein Grinsen huscht ihm übers Gesicht, doch wenige Augenblicke später sollte er schlagartig grau und faltig werden. Nachdem er nicht nur für sich Kohle gezogen sondern auch mit einer weiteren Karte der ganzen Sippschaft Pinunsen organisiert hatte, denkt er sich: "Ach, du könntest ja eigentlich noch einen Kontoauszug ziehen."

Gesagt, getan. Er stopft die Karte in den Drucker, denkt wieder an den Urlaub, zieht sich den Auszug rein, ginst und denkt: "Sieht einigermaßen okay aus." Und dann steht er da, wie bestellt und nicht abgeholt. "Wo ist die Karte? Wieso kommt diese verdammte Karte nicht aus dem Schacht? Wollen die mich komplett verarschen?" Sein Hirn gerät aus dem Gleichgewicht, nochmehr als seine Augen das irritierend-grüne Dauerblinken des Automaten wahrnehmen. "Das kann doch jetzt nicht wahr sein, oder?"

Eine Minute vergeht und er steht immer noch konsterniert vor dem Gerät. Was kann er tun? Er schaut sich um, beobachtet von den Kameras in der Bank, und zieht den Stecker. Gangsterstyle - Adrenalin pur.



Der Drucker fährt wieder hoch - eine gefühlte Ewigkeit vergeht. Sein Hirn glaubt an den Meister aller Karten - "Tricky", denkt er - doch der Drucker nicht. "Mist, so ein verdammter Mist." Nichts passiert. Er rennt zum Auto, überlegt, dreht am Rahmen und flucht, was das Zeug hält. Die Manie greift um sich, selbst Schuld, denn seit drei Wochen ist er auf Schoko-Entzug.

Weil er dringend los muss, ruft er seine Angebetete an, schildert ihr mit puterrotem Gesicht nervenverlierend die Situation und lässt die Karte sperren. Er weiß schließlich nicht, welcher Pilz eventuell Glück haben könnte, um sich seine Karte irgendwie doch zu sichern. Fassungslos und wutentbrand braust er davon. "Saftladen!"

Als er am späten Nachmittag wieder zu Hause ankommt, zückt er erneut sein Portemonnaie gibt seiner Verzuckerten die Karte und drückt die Kohle ab. Er guckt, guckt noch einmal: Apathie. Sprachlosigkeit. Die Karte steckt dort, wo sie immer steckt. Hirnverbrand.

Montag, 9. November 2009

Emotionale Glückseligkeit



20 Jahre nach dem Mauerfall. Das bedeutet 20 Jahre emotionale Glückseligkeit - und zwar für Ost-und Westdeutsche gleichermaßen.

Den historischen Leistungen der nach Freiheit strebenden Menschen in der damaligen DDR, die Montag für Montag mutig, trotz Ressentiments, auf den Straßen der „demokratischen Republik“ ehrlich und voller Hoffnung für Veränderungen protestierten, gebührt ein Leben lang über Generationen hinweg tiefster Respekt.

Diesen ließen bereits viele unmittelbar oder wenige Jahre nach der Wende vermissen. Enttäuschungen hüben wie drüben, hausgemachte Probleme hier und dort, verschiedene Mentalitäten, fehlendes Verständnis - kein wirkliches Miteinander. Die Liste ist lang.
Dabei könnten Politiker mehr als nur phrasendreschend Brücken bauen.

Insofern ist der Ansatz von Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck mit einer direkten Auseinandersetzung mit der Nach-Nachfolgepartei der SED mehr als nur ein Versuch wert. Vergessen sollte niemand, verherrlichen schon gar nicht, aber ständig den Verrat an den Idealen zu kolportieren, kann auch nicht der heilbringende Weg sein. Außerdem: Bagatellisieren will Platzeck nicht, schon gar nicht, weil er selbst aus der Bürgerbewegung kommt. Klischees will ohnehin niemand mehr hören.

Weil sich zudem die Vorurteile vom Besser-Wessi oder Jammer-Ossi, so abgedroschen es auch klingt, zum Teil immer noch halten, sollte sich jeder nocheinmal die Bilder der Wendezeit im Herbst des Jahres 1989 vor Augen führen. Insbesondere der 4. November 1989 war ein Meilenstein in der Geschichte Deutschlands, als sich auf dem Alexanderplatz in Berlin Hunderttausende emotional Gehör verschafften.

Das wunderbare Wunder wird zwar auch von Politikern gebetsmühlenartig gepriesen, doch nicht sie waren es, die den Weg für den Einsturz der Mauer ebneten. Der Drang der Menschen war stärker als die staatliche Willkür. Und das müssen vor allem auch Ewiggestrige akzeptieren. Nein, es war nicht alles schlecht in der DDR. Ja, Ostalgiker dürfen auch zurückblicken, doch herbeisehnen sollten sie den Schoß der einstigen Staatsmacht nicht. Die Zukunft ist es, die ein jeder im Blick haben sollte. Denn auch im wiedervereinigten Deutschland kann es sich lohnen, für herbeigesehnte Rechte aufrichtig zu demonstrieren. Wir sind das Volk!